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02.06.2021

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“

Neue Urbanität und die Thesen zur Pandemie

Jeder kennt es, wenn er alte Bilder seiner Stadt betrachtet oder nach längerer Zeit in seine Heimatstadt zurückkehrt und genauso empfindet wie fast jeder „Mensch, es hat sich so viel verändert… Erinnerst du dich noch, wie das damals aussah?“

Nichts ist so beständig wie der Wandel, … oder?

Aber was heißt das für die Zukunft? Wie wird unsere Stadt in 5 Jahren, in 10 Jahren und in der Zukunft aussehen und inwieweit kann das heute schon angedacht oder zumindest eingeschätzt werden.

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“

Nun, schon vor Zeiten der Pandemie, als ich zu diesem Thema interviewt wurde, sagte ich das Gleiche wie jetzt: Vom Einzelhandel im Stil der Einkaufsstraßen und Monokultur können wir uns verabschieden.
Auf ein paar Kernthesen der gängigen Zeitungen möchte ich in diesem Artikel etwas näher eingehen und die Art der Veränderung ableiten:
These 1: „Der Einzelhandel stirbt“: Meines Erachtens sind wir gerade in einem Prozess der Wiedergeburt. Totgesagte leben länger. Der Einzelhandel erfindet sich neu und wir erleben aktuell eine Transformation. Diese Phase zeichnet sich immer dadurch aus, dass Altes verschwindet. Der Platz bleibt jedoch nicht leer. Vermehrt ziehen Dienstleister in die Erdgeschossflächen und nutzen die Barrierefreiheit und Transparenz für ihre Unternehmenspositionierung. Online-Händler machen ihre Produkte durch stationäre Dependancen anfassbar.
These 2: „Innenstädte müssen neu gedacht werden“: Ja, natürlich! Alles sollte immer neu gedacht werden, nur so funktioniert Weiterentwicklung. Schon seit vielen Jahren zeichnet sich ab, dass es so wie es war, lange nicht mehr funktioniert. Die Pandemie war hier nur ein Beschleuniger. Doch auch das „neu gedachte“ ist schon da und bekommt jetzt Raum und Platz.
These 3: „Gastronomie ersetzt den Textileinzelhandel“: Eine These, die glücklicherweise nicht mehr ganz so häufig in den gängigen Zeitungen auftaucht. Warum einer Monokultur mit einer Monokultur entgegnen? Auch in der Gastronomie sind die Gewinnmargen nicht unendlich und auch diese Branche liegt unter dem Entwicklungsdruck. Monokultur wird schnell langweilig und genau das ist es, was der Verbraucher heute nicht mehr will. Die Mischung aus Vielfalt und Inspiration gewinnt.
These 4: „Der Online-Handel tötet den stationären Handel“: Eine These, die meines Erachtens nur bedingt stimmt. Der stationäre Handel hat sich lange Zeit ausgeruht. Eine Entwicklung war hier kaum zu spüren. Beratung wurde vielerorts schlechter und schlechter. Dass der Kunde sich umorientiert, wenn er eine Lösung geboten bekommt, ist eine logische Folge der freien Marktwirtschaft und sollte nicht überraschen. Ich denke, die aktuelle Entwicklung zwingt den stationären Handel dazu, sich neu zu erfinden. Darüber hinaus kommt auch der Online-Handel ohne stationäre Dependance nicht aus. Dazu ist auch online der Kampf um die Aufmerksamkeit zu groß.
Statistiker, Behörden, ja auch Stadtplaner erleben den Menschen in seiner relativen Unkalkulierbarkeit nur bedingt. Als Makler erleben wir jedoch in Folge der Ereignisse die unmittelbare Wirkung als Resonanz. So hat sich in vergangenen Krisen, konjunkturellen Abschwüngen oder Boomjahren unmittelbar das Verhalten von Suchenden und Bietenden im Immobilienmarkt immer verändert.
Nehmen wir also heute die Corona-Krise und fragen uns: „Was für eine Auswirkung erleben wir? Was wird sich in der Folge verändern? Nachfrage, Angebot, Konsequenzen daraus und wie verändert sich damit das „Gesicht“ unserer Stadt?
Im Unterschied zu vergangenen Krisen ist aktuell kein Nachfrageeinbruch zu erleben.
Vereinfacht erklären uns die Kunden, dass sie die Niedrigzinsphase nutzen wollen und das „Zuhause“ die eigenen 4 Wände an ihrer Bedeutung gewonnen habe. Also ist das Sicherheitsbedürfnis gestiegen, auch wenn sich breite Bevölkerungsschichten auch Sorgen um die Wirtschaft und damit um den Arbeitsplatz machen.

Beängstigt könnte man auf den Einzelhandel schauen, wir tun es nicht, denn eine Entwicklung ist klar zu beobachten: die Nähe zum Quartier nimmt zu. Wer vermehrt im Homeoffice arbeitet, setzt sich zum Mittagstisch nicht ins Auto und sucht die Firmenkantine auf oder fährt ins abseits gelegene Einkaufszentrum. Er erinnert sich an „das kleine Lokal in unserer Straße“, wie es Peter Alexander schon besungen hat.

Auch verändert sich der Lauf und die Menschen entdecken das Einkaufen „um die Ecke“ neu. Der „Tante-Emma-Laden“ erlebt eine Renaissance. Türkische Gemüsehändler leben es uns schon seit vielen Jahren vor. Selbst die großen Namen (REWE, Lidl & Co) haben es bemerkt und suchen nach Stadtteil-Ladenfläche, um ihre Kunden aus den Quartieren nicht zu verlieren.

Ach ja, da ist ja auch noch das Auto. Carsharing-Unternehmen mieten in Tiefgaragen und Parkhäusern ganze Etagen an, um vorbereitet zu sein, ist es doch eine Tatsache, dass der PKW der Feind der Innenstädte ist und es wird sich ganz sicher viel verändern, wenn nur die Stadtplaner begreifen, das Neubau und Verdichtung in der Zukunft noch mehr Probleme bereiten werden, wenn die Stellplatzverordnungen nicht novelliert werden. Also Wohnbau ja, aber mit deutlich weniger oder sogar gar keinen Parkplätzen. Würde man wirklich mit dem Auto durch die Stadt fahren, wenn es ohne viel schneller und einfacher, viel kostengünstiger und flexibler geht? Ich denke nicht.

Auch das hat zur Folge, dass die kleinteilige Nahversorgung, das Shoppen und Verweilen im Quartier an Bedeutung gewinnen. Die Städte verändern sich und zwar in vielerlei Hinsicht zum Guten, wie ich finde.
Also gilt, Paradoxie im Wortspiel: „Nichts ist beständiger als der Wandel“

– Jil N. Blumenauer

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